»Graffiti Composition« (1996 / 2002)
Uraufführung
Der in New York lebende Künstler Christian Marclay, geboren 1955 in Kalifornien und in Genf aufgewachsen, arbeitet mit Schallplatten, die er sowohl als Objekte wie als Tonträger in Skulpturen, Videos, Konzerten und CD-Produktionen verwendet. In den 80er Jahren erregte er Aufmerksamkeit mit seinen zahlreichen Auftritten als »record-player«, in denen er auf mehreren Plattentellern live Sound-collagen komponierte. Bekannt wurde er u.a. durch die Zusammenarbeit mit John Zorn, Butch Morris, David Moss, Elliott Sharp, Fred Frith, Arto Lindsay, Nicolas Collins, Zeena Parkins, Ikue Mori, Shelley Hirsch sowie DJ Spooky und DJ Olive. Zahlreiche Tourneen und Ausstellungen führten ihn in die USA, Europa und Japan. Er nahm teil an internationalen Festivals, wie dem New Music Amerika und den Festivals in Willisau und Moers. Marclay ist in den letzten Jahren international mehr und mehr als Bildender Künstler hervorgetreten, allerdings bleibt die Musik immer Thema seiner Arbeit. Er verarbeitet Platten, Hüllen und Lautsprecher, aber auch Musikinstrumente und natürliche Geräusche zu musikalischen Environments. Mal untersucht er humoristisch-kritisch das Medium Schallplatte in seiner Fetischisierung in der Alltagskultur und Unterhaltungsindustrie, mal visualisiert er Musik in aufsehen-erregenden Performances und Installationen. Neben zahlreichen Ausstellungen u.a. im Whitney Museum N.Y., in der Shedhalle Zürich und im Museum Ludwig Köln vertrat er 1995 und 1999 die Schweiz auf der Biennale in Venedig und erhielt 1997 den Preis für Junge Kunst der Zürcher Kunstgesellschaft.
Auch in Berlin ist Marclay längst eine bekannte Größe. Anlässlich des 10jährigen Jubiläums der Freunde Guter Musik Berlin inszenierte Marclay, 1993 als Stipendiat des DAAD in der Stadt, mit »Berlin Mix« ein riesiges Simultankonzert. Statt Platten zu samplen, arrangierte er das vielfältige Repertoire von über 180 Musikern aller Stile und Gattungen zu einem polyphonen und multikulturellen Musik-Tableau. Einige Jahre später konnte sich jeder »Berliner« selbst an einer kollektiven stadtweiten Komposition beteiligen. Christian Marclay ließ 1996 in seiner Arbeit »Graffiti Composition« im Rahmen von »sonambiente – festival für hören und sehen« 5.000 leere Notenblätter in der gesamten Stadt plakatieren, als Einladung an die Öffentlichkeit, Noten oder jede Art von Graffiti darauf zu hinterlassen. Die so entstandenen »Kompositionen« wurden fotografisch dokumentiert, eine Auswahl dieser Fotos stellte Marclay später für eine druckgrafische Edition zusammen. Auf der Grundlage dieser Edition werden nun Teile der umfangreichen, kollektiv erstellten Partitur erstmals musikalisch realisiert. Die von Christian Marclay eingeladenen Musiker weisen allesamt große Erfahrungen im Umgang mit offenen Notationen und improvisatorischen Formen auf. Butch Morris gehört als Leiter der bekannten »Conduction«-Projekte, einer Art dirigierter kollektiver Improvisationsmusik, zu den Schlüsselfiguren der internationalen Improvisationsszene. Er arbeitet in diesem Projekt mit dem in Berlin ansässigen Ensemble zeitkratzer zusammen. Shelley Hirsch ist international bekannt als extrem wandlungsfähige Stimmkünstlerin, der Keyboarder Anthony Coleman als exzentrischer Pendler zwischen Jazz und E-Avantgarde. Eine Auswahl der von den Musikern interpretierten Partituren wird zur Uraufführung in der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie ausgestellt.